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Was man alles sieht, wenn man mal hinguckt

Katatonisch klackerndes Kleingeld klimpert in klobigen Händen mit künstlichen Enden an der Kasse des Kaufmannsladen.

Ein pfeifendes Piepsen versetzt sichtliche Stiche. Jeder Ton tötet die Rente ein Stück. Lässt Lieder leidend zappelnd und Finger zittrig zuckend zurück.

Was man alles sieht, wenn man mal hinguckt.

21:52 Uhr. Frisch aufbackendes Brot brütet auf borstigen Brettern brisant beständig dem Eimer entgegen. Bekloppt.

Eine Bäckereifachverkäuferin verkauft dezidiert delikate Brötchen aus einem diabolisch dampfenden Ofen. Er bezahlt, steckt das Wechselgeld ungezählt zurück ins Portmonee, schüttelt alles an seinen Platz und geht. Ohne Brötchen.

Durch Zucker flackernde Augen zwingen die zynisch zischende Mutter zur kindlichen Zwischenmahlzeit. Sie gibt auf und klein bei. Fühlt sich schlecht, aber frei.

In Preise vergleichender Weise gleitet geiziges Glitzern gezielt durch Regale. Packt alles an und an und an und an und doch nicht ein.

Zwei zerbrechlich wirkende Zeitzeugen des zweiten Zerwürfnis deutscher Geschichte schieben scheinbar lethargisch den Halt vor sich her. Das tut ganz schön weh. Aber ohne geht es nicht mehr.

Was man alles sieht, wenn man mal hinguckt...


1996

Ich litt bei gesteigertem Alkoholkonsum immer unter Schlafstörungen. Nach einer durchzechten Nacht konnte ich nie länger als 3 Stunden schlafen. Was zur Folge hatte dass ich a: Immer als erster wach war, und b: Noch mächtig den Arsch voll hatte.

Ich öffnete die Augen, registrierte mich neben dem Wohnzimmertisch liegend und zog mich an selbigem hoch. Meine Finger griffen sich einen Stummel aus dem Aschenbecher, bogen ihn gerade, und ich rauchte die noch übrig gebliebenen Züge. Ich griff die Flasche Cola vom Tisch und wollte gerade ansetzen, als meine Nase mich warnte. Das war die Flasche mit dem Schnaps. Das augenblicklich auftretende Gefühl des Ekels stürzte ich mit dem Rest aus der erstbesten Flasche Bier runter. Ich trat nach Nick, der neben mir lag.

„Ey. Nick.“

„Mmmmmm.“

„Lass mal dem Lutz die Cola mit dem Pott andrehen.“ Er gluckste ein Lachen in seinen Arm und drehte sich zu mir.

„Was‘n noch drin?“, flüsterte er.

„Die is noch fast voll.“ Ich sah mich nach Lutz um, der aber war nicht im Zimmer.

„Alex.“, rief Nick seinem Schwager zu, der sich auf der Couch breit gemacht hatte.

„Ey. Lockenköpfchen.“, griff ich unterstützend ein, mit genauso viel Erfolg. Ich nahm das Feuerzeug und schmiss es ihm vor den kahl geschorenen Hinterkopf.

„Idiot...“, blubberte er in die Ritze.

„Der Pott is noch fast voll.“ Das Gleiche glucksende Lachen verließ die Couch. Alex drehte sich zu uns, und sah sich um.

„Lass den mal den Lutz andrehen.“, flüsterte er.

„Drei Dumme, ein Gedanke.“, sagte ich.

„Zwei Dumme.“, korrigierte Alex und setzte sich. Sein Blick ging über die gekachelte Eiche, die vollständig mit überquillenden Aschenbechern, beinahe leeren Bierflaschen und zerdrückten Kippenpackungen übersät war.

„Gib ma ne Kippe.“, winkte er mir zu.

„Ich hab keine mehr.“

„Und was willst du gleich rauchen? Scheiß Schnorrer.“

„Wat für Schnorrer. Wer hat denn hier wen...“

„Halt‘s Maul und besorg mal n paar Kippen.“ Mein Blick ging rüber zu Nick, der aber nur verneinend mit den Schultern zuckte. Ich stand auf, und durchstreifte die Wohnung nach Lutz. Der hatte immer Kippen. Und wenn nicht, würde Alex ihn schon welche holen schicken.

Ich fand Lutz auf den Stufen in den ersten Stock. Ich rüttelte ihn wach, und kassierte als Belohnung erstmal einen ordentlichen Fußtritt.

„Hasse noch ne Kippe?“, fragte ich. Langsam aufwachend setzte er sich auf die Stufen und durchwühlte seine Hosentaschen.

„Keine mehr im Wohnzimmer?“, nuschelte er.

„Im Aschenbecher.“

„Dann dreh dir da eine von. Ich hab keine mehr.“

„Hast du noch Blättchen?“, fragte ich vorsichtig.

„Ey, samma, aber rauchen kannste alleine ja?“

„Lutz!“, rief Alex. „“Komma her!“

„Ich hab keine Kippen!“

„Komm doch mal her!“ In seinen flaumigen Bart brummend stand Lutz auf, und ging mir voran ins Wohnzimmer.

„Moin.“, grummelte er, steuerte auf den Tisch zu, langte sich zielsicher die mit Schnaps beladene Mehrwegflasche, setzte an, und nahm einen kräftigen Schluck. Nach dem ersten Hüpfer seines Kehlkopfes merkte er was er da trank, und ihm entfuhr ein lautes „Bah! Ist das ekelhaft!“ Ich sah rüber zu Alex und Nick und wir waren uns einig, jetzt oder nie!

„Wat bissn du für‘n Waschlappen.“, stachelte Nick.

„Bisse doof? Sauf du mal den Scheiß hier.“ Ich schnappte mir ein altes, noch halb volles Bier vom Tisch, und wollte mit Lutz anstoßen. Der aber blieb bockig.

„Komm schon.“, versuchte ich den Gruppenzwang weiter anzukurbeln. „Ich geh auch Kippen holen.“ Er sah mich ungläubig an, und im selben Augenblick startete ein kollektives „Lutz! Lutz! Lutz! Lutz!....“ Ein Lächeln durchschnitt sein Gesicht. Und als Alex den Augenblick mit einem „Komm schon Lutz. Ex oder Arschloch!“ abschloss, setzte er die Flasche an, trank Zug um Zug, und setzte sie erst halb leer wieder ab.

Meine Fresse dachte ich. Hut ab. Ich hätte auf der Stelle kotzen müssen. Aber den Anderen schien noch Luft nach oben, und so befeuerten sie ihn weiter.

„Na komm. Jetzt musste das Ding auch leer machen.“

„Feigling, Feigling, Feigling...“

„Komm schon Lutz!“, stieg ich wieder mit ein. „Denk an die Kippen. Wir ham keine mehr.“ Wieder entflammte ein Grinsen sein Gesicht. Er genoss sichtlich die Aufmerksamkeit, war sich aber ihres Preises durchaus bewusst und anscheinend auch bereit, ihn anstandslos zu zahlen. Wieder setzte er die Flasche an und der Inhalt schwappte stetig sinkend, bis nichts mehr übrig war. Er bekam stehende Ovationen, gepaart mit wildem Gebrüll und „Lutz! Lutz! Lutz! Lutz!“ Rufen. Ich konnte sehen, wie er dagegen ankämpfte, alles wieder auskotzen zu müssen.

„Schön drin lassen!“, mahnte ich mit erhobenem Zeigefinger. „Beim Kotzen gilt das mit den Kippen nicht mehr! Hat überhaupt noch einer Kohle?“

„Ich bin pleite.“, quälte Lutz sich aus dem Hals, gefolgt von einem gefühlten dreieinhalb minütigen Rülpser. Der war auch nötig, riss er ihm doch die Übelkeit aus dem Gesicht. Ich legte meine letzten 2 Mark auf den Tisch. Nick zog sein Portmonee, und vervollständigte auf die benötigten Vier.

„Wo krieg ich denn hier überhaupt Kippen her?“, fragte ich Alex.

„Ausfahrt raus, links, und dann die Straße runter bis Rodert.“

„Boah was!? Durch den ganzen scheiß Wald?“

„Net heulen, laufen!“, knurrte Lutz, der nach seiner Rum-Cola Aktion schon beinahe unheimlich normal wirkte. Ich griff das Geld vom Tisch, ging aus dem Haus, und machte mich auf den Weg. Ich verkürzte die ziehharmonikatypischen Eifelkurven, indem ich einfach querfeldein lief, und schließlich auf der Hauptstraße von Rodert landete. Zu meiner Linken konnte ich das Ortseingangs, zu meiner Rechten das Ortsausgangsschild sehen.

Kann ja nicht lange dauern hier nen Kippenautomat zu finden dachte ich. Hat es auch nicht, und so machte ich mich mit einer frischen Packung West wieder an den Aufstieg. Die ganze Aktion kostete mich eine knappe Stunde. Und die ganze Zeit durchfuhr mich ein Gefühl der Vorfreude darauf, wie Lutz wohl aussehen würde, wenn ich ankomme.

Schon auf den letzten 300 Metern hörte ich lautes Gebrüll, umrahmt von rohem Gelächter. Ich rannte die letzten Meter bis zum Haus, stieß die Türe auf, und als ich ins Wohnzimmer trat, traute ich meinen Augen nicht.

Eine braune, brockige Suppe überzog den Tisch, und Lutz saß regungslos auf dem nach hinten umgekippten Sessel. Nick lag sich den gekrümmten Bauch vor Lachen haltend auf dem Boden, und Alex schob, jetzt mit einem gesprenkelten Pullover bekleidet, planlos wirkend die vollgekotzten Flaschen von einer Ecke des Tisches in die Andere.

„Hör auf zu lachen du Idiot und hilf mir mal lieber!“, schrie er seinen Schwager an. Aber der sah nicht aus, als würde er sich so schnell wieder einkriegen. Ich stieg mit ein in das Gelächter und trat nach dem sogar im Liegen noch sitzenden Lutz um zu gucken, ob der sich noch regte. Tat er aber nicht.

„Lutz?“ Ich ging in die Hocke und rüttelte fest an seiner Schulter. „Lutz!“

Das... Sollte das letzte Mal gewesen sein, dass ich an einem Betrunkenen rum rütteln würde, denn im nächsten Moment kotzte er nicht nur sich, sondern auch mir Hose und Stiefel voll. Seine Beine lösten sich vom Sessel, fielen rückwärts kopfüber, und drehten den ganzen Körper runter auf den Boden.

„Alter. Bisse doof!“, brüllte ich und trat ihm in die Seite, musste aber sofort wieder anfangen zu lachen. Zumal er mit dem Gesicht in der Kotze liegend einfach zum Brüllen komisch aussah.

„Könnt ihr mal aufhören mit dem Scheiß und mir hier helfen!“, fuhr Alex dazwischen, noch immer die Flaschenhälse zwischen den Fingern.

„Ich würd ja sagen, wir fahren den hier erstmal ins Krankenhaus.“, sagte ich, nachdem ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte.

„Aber nicht in meinem Wagen.“, sagte Alex. Nick‘s Lachen erreichte die nächste Stufe. Die, in der man nur noch abgebrochen schreien kann, weil der Bauch so krampft.

„Was meinst du, wie deine Tante das findet“, warf ich ein, „wenn die aus‘m Dorf die anrufen, dass hier n Krankenwagen zu ihr hoch fährt.“ Nick‘s Lachen lief in einem großen Seufzer aus. „Ich pack den aber nicht an.“

„Meine Fresse. Dann rollen wir den eben in den Läufer und schmeißen ihn auf den Rücksitz!“ Das reichte, um Nick wieder in Hysterie zu versetzen. „ Was‘n da so witzig?“, fragte ich. „Ich hab kein Bock, dass der wieder ausflippt wenn der wach wird.“ Alex stellte die Flaschen zurück auf den Tisch, kam zu mir rüber und schnappte sich Lutz‘ Arm.

„Pack ma an da.“ Er deutete mit seinem Kopf auf den anderen Arm. Ich packte ihn, wir zogen ihn durch den halb verdauten Rum auf den Teppich, legten die Arme an den Körper und fingen an, ihn langsam einzurollen. Nick‘s Lachen mutierte zu einem Schreien, und seine Hände und Füße trommelten auf den Boden.

Nachdem wir Lutz vollständig eingerollt hatten, packten Nick und ich ihn unter dem Kopf, Alex klemmte sich die aus dem Läufer hängenden Beine unter die Arme und wir fingen an, ihn vorsichtig durch‘s Wohnzimmer nach draußen zu tragen. Ein lautes Stöhnen entglitt dem Teppich.

„Alles O.k. Lutz.“, sagte Alex. „Wir bringen dich nur mal an die Luft.“ Nick und ich verfielen wieder in kollektives Gegacker, und um ein Haar wäre Lutz uns aus den Fingern geglitten, hätten wir nicht noch rechtzeitig unsere Knie unter sein Kreuz geschoben. Langsam zeichnete sich auch auf Alex Gesicht ein Grinsen ab.

Wir schoben Lutz auf den Rücksitz des silbernen Asconas, und ich mich als Erster auf den Beifahrersitz.

„Näää komm äh.“, sagte Lutz. „Ich setz mich net zu dem Irren nach hinten.“

„Erster.“, entgegnete ich mit verschränkten Armen.

„Jetzt halt‘s Maul und steig ein.“, rief Alex über Dach. Wiederwillig knallte Nick die Tür ins Schloss und nuschelte sich irgendwas in den noch nicht vorhandenen Bart.

„Ich würd mich ja ans Kopfende setzen.“, rief ich durch das Glas. Gesagt getan, und wir fuhren mit unserem standarisierten Soundtrack in Richtung Krankenhaus.

to be continued...


"Wenn du liebst was du bist, kannst du sein was du willst."

Zerbolesch, 2011